Von unten

Könnte man die Bahnhofsstrasse von unten sehen, wie durch eine Glasscheibe, so würde man wohl erkennen, wie hoch die Fussgänger ihre Nase tragen. Wie sie sie in den Wind recken, jeden neuen Trend wittern, ihn aufnehmen, ihm nachhetzen, bis sie ihn in einem Kaufhaus stellen und in einer Edelboutique zu fassen kriegen. Könnte man die Bahnhofsstrasse von unten sehen, so sähe man, wie sich unter den blankgeputzten, schwarzen Bankerschuhen der Staub und Dreck vergangener Schritte festgesetzt hat. Auch der Gang über Leichen hinterlässt Spuren. Könnte man die Bahnhofsstrasse von unten sehen, so wären ansonsten kleine und unscheinbare Dinge plötzlich gross und beachtenswert. Man sähe die Kinder, die verloren zwischen Erwachsenen der Strasse entlang gezogen werden von einem Kinderladen zum nächsten – auf dass ihr Glück gekauft und geschenkt, aber nicht gemacht werde.

Könnte man Zürich von unten sehen, wie durch eine Glasscheibe, sähe man auch in die Ecken der reichsten Stadt der Welt. Sähe die unscheinbar in den Strassennischen sitzenden Bettler, sähe man in die Hinterhöfe der Stadtquartiere, die selten auf Postkarten auftauchen. Könnte man Zürich von unten sehen, sähe man die Ruinen, auf denen die Stadt gebaut ist, dass hier schon lange vor Zürich etwas stand, das vergangen ist – dass noch lange nach Zürich hier etwas stehen wird, wenn auch Zürich irgendwann verschwindet.

Könnte man die Schweiz von unten sehen, wie durch eine Glasscheibe, sähe man die unterirdischen Gänge und Höhlen unter den massiven Bergen. Man würde merken, dass die Schweiz ausgehölt ist, fragil, nicht so fest und stark wie sie sich gerne zeigt. Könnte man die Schweiz von unten sehen, sähe man auf den tiefen Grund ihrer vielen Seen. Man würde erkennen, dass sich in diesem Land unter der spiegelglatten Oberfläche Schlamm und Dreck angesammelt hat, meterhohe Schichten vergangener Verkertheit.

Könnte man Europa von unten sehen, wie durch eine Glasscheibe, so würde man merken, wie viele unterschiedlichen Gesichter über diesen Kontinent gehen. Man sähe, dass hier mehr Unterschiede als Gemeinsamkeit ist, dass die Idee eines grossen einigen Europas romantiesiert ist. Würde man Europa von unten sehen, würde man die Grabfelder jahrhundertelanger Kriege sehen, das Zeugnis menschlichen Wahnsinns, die Mahnung, dass der Mensch sich nicht ändert, nur weil er sich modern nennt.

Könnte man die Welt von unten sehen, wie durch eine Glasscheibe, sähe man, dass mehr Wüste ist als Wald, mehr Fels als Feld. Man würde merken, dass an einem Ort Kornfelder verrotten und an anderen Orten Kinder verhungern. Könnte man die Welt von unten sehen, würde man verstehen, dass Schicksal heisst, nicht da, sondern dort geboren worden zu sein, nicht da zu leben, sondern dort, nicht diese Bildung zu haben, sonden gar keine, nicht diese Freiheit zu geniessen, sondern Ketten zu tragen.

Könnte man die Bahnhofsstrasse von unten sehen, wie durch eine Glasscheibe, würde man merken, dass auch die Fussgänger der Bahnhofsstrasse die Welt nie von unten sehen.

~ von mrohner am Mai 28, 2008.

Eine Antwort schreiben