Prinzipien
Fern von Menschen entstehend Grundsätze, unter ihnen Handlungen. (Jean Paul)
Was sind Grundsätze, Prinzipen, Richtlinien? Sie sind Leuchttürme im Sturm des Lebens, Signalpunkte, um sich zu orientieren. Sie sind Lebenshilfen, Glaubenssätze, Dogmas, die man sich auf die Fahne schreibt und von denen man – mindestens zu Beginn – denkt, man werde sie verteidigen. Nicht nur verteidigen gegen Menschen, die die eigenen Grundsätze und Prinzipien angreifen, nein, vielmehr verteidigen gegen sich selbst! Grundsätze grenzen nämlich vor allem einen selbst ein, sie beschneiden die Handlungsfreiheit, schieben dem Lustprinzip einen Riegel vor, indem sie von vornherein – vor der Handlung – definieren, ob etwas anzustreben oder abzulehnen ist. Prinzipien sind die eigenen Wertvorstellung in knappe Form gegossen, weil man ahnt, dass man die eigenen Wervorstellung bei zweifelhaften Situationen über Bord wirft, wenn man sie vorher nicht in Prinzipien verklausuliert hat. Deshalb schafft man Prinzipien, deshalb erfindet man sich Grundätze, baut sich Dogmen und Handlungsrichtlinien: Um sich selbst gegen sich selbst abzusichern. Ein Prinzip ist der Versuch, eine Werthaltung, die sich über Jahre des eigenen Lebens erstreckt, gegen die Versuchung der Sekunde, des Augenblicks, abzusichern und zu verteidigen. Aber eben, man beachte das Zitat zu Beginn: Prinzipien entstehen fern von Menschen – aber unter Menschen, bei den Menschen, in ihrem Leben, in ihrem Alltag, entstehen keine Prinzipien; dort entstehen Handlungen. Prinzipien also nur als Worthülsen, als leere Versprechen, die nicht Schritt halten mit den Anforderungen des Augenblicks, die häufig Handlung statt Grundsatz, Tun statt Denken, Hand statt Kopf fordern?! Vielleicht. Vielleicht verlangen die Situationen des Lebens eine derartige Anpassung der Prinzipien, dass man sie ohnehin gleich wieder verwerfen kann – weil ein Prinzip im Alltag durchzubringen ohne Abstriche unmöglich ist. Also keine Prinzipien aufstellen, nur nach dem Alltag leben, nach dem Lustprinzip, nach dem Hier und Jetzt? Der Augenblick statt die Ewigkeit, die Begierde statt der Vernunft, das hier und jetzige statt das Überdauerende? Jeder Tag also nur eine chaotische Sammlung von Handlungen, kein prinzipiengeleiteter Ablauf? – Wer weiss, vielleicht. Manche Menschen handeln und denken und fühlen nach diesem Muster: Das Hier und Jetzt ist entscheidend, egal was für Prinzipien man früher hatte. Hauptsache jetzt der Lustgewinn, jetzt das Ersehnte, egal ob man damit gegen die eignen Prinzipien verstösst. Mir ist das irgendwie zuwieder. Warum? Weil ich die Dauer des Prinzips der Augenblicklichkeit der spontanen Handlung bevorzuge. Das Prinzip ist für die Ewigkeit, die Handlung für das Jetzt. Die Ewigkeit dauert länger.


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