Die Leiden des jungen Werther

Ich habe – wie mir scheint – eine Bildungslücke geschlossen und endlich einmal „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe gelesen. Erstaunlich, dieser Roman, der praktisch durchgehend nur aus Briefen von Werther an seinen Freund Wilhelm besteht. Es war Goethes erstes bedeutendes Werk, das ihn im Alter von etwa 22 Jahren (so alt wie ich jetzt bin) auf einen Schlag in ganz Europa bekannt und berühmt machte. Der Roman traf so in die Herzen seiner Leser, dass er sogar eine Welle von Selbstmorden verzweifelter, im Liebeskummer leidenden junger Männer auslöste – man fand einige davon auch in der Kleidung, die Werther im Roman trug, als er sich um Mitternacht an seinem Schreibtisch sitzend erschoss; nach langem, bitterem Kampf mit sich selbst. Der Roman hat auch einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen. Zwei Passagen seien hier deshalb zitiert:

  • „Am 18. August. — Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elendes würde? Das volle warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit so vieler Wonne überströmte, das ringsumher die Welt mir zu einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt.“
  • „Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: Ich betaue mit Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe dem Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen der mich sah in meiner Schönheit; ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich nicht finden. – „

Da fällt mir unweigerlich ein Zitat aus Schillers „Johanna von Orleans“ ein, das ich einmal beim Lesen des Werkes mit 14 oder 15 Jahren als junger, für die Sprache begeisterter Leser herausschrieb . Ich hoffe, es aus dem Gedächtnis möglichst einwandfrei zu zitieren:

„Also geht der Mensch zu Ende. Und die einzige Ausbeute, die wir aus dem Kampf des Lebens mitfort tragen, ist die Einsicht in das Nichts, und herzliche Verachtung all dessen, was uns erhaben schien und wünschenswert.“ – Doch Werther hätte hier heftig widersprochen! Sein selbstgewählter Abschied aus dem Leben war in seinen Augen keine sinnlose Verzweiflungstat, sondern wohl durchdacht, konsequent und nötig. Auch erhoffte er sich – vielleicht nur im Liebeswahn, vielleicht aber auch in einem seltenen hellen Augenblick seines zuletzt trüben Geistes – mit seiner Tat einen Hauch von Ewigkeit zur erlangen, eine Unvergänglichkeit seiner Liebe zu schaffen, die er in Stein meisselte für das jenseitige Leben, da er sie im diesseitigen nicht erfüllen konnte.

Man muss mit Werther und seinem Entschluss, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, nicht einig gehen. Man kann allerlei gescheite Worte darüber verlieren, das solche übersteigerte Liebessehnsucht, wie jene von Werther nach seiner Lotte, in sinnloser Katastrophe endet. Doch – das dürfte Goehte vielleicht unterschreiben – soll man den Werther nicht verurteilen, bevor man seine Geschichte nicht gelesen hat. Und da Werther als fiktive Person für alle Liebenden steht, soll man keinen Liebenden verdammen, bevor man nicht gefühlt hat, was er fühlt.

~ von mrohner am Juli 27, 2008.

Eine Antwort to “Die Leiden des jungen Werther”

  1. Erstaunlich insofern, als dass ich ein literarisch hochgelobtes Buch vor dir gelesen habe.. und nichtsdestotrotz liegt meine Schreibfeder brach, während mein treuer Weggefährte nun bereits das weltweite Netz mit seinem güldenen Gedankengut etwas wertvoller macht.
    Ich muss beschämt gestehn, werter Remarque, es hat lange gedauert, bis ich auf diese Seite gestossen bin.. doch diese Seite hat nun definitiv seinen Platz in meinen Favoriten gefunden!

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