Die Kreuzung
Irgendwo in diesem Land gibt es eine Kreuzung, wo sich vier grau asphaltierte Strassen treffen, die alle aus vier mittelgrossen Dörfer kommen, in denen je ein Migros neben einem Coop steht und die Raiffeisen eine Filiale hat. Von dieser Kreuzung aus sieht man an klaren Tagen weit in die Berge und tief ins Mittelland. Seit den 70er ist diese Kreuzung ausgrüstet mit Ampeln, doch ab und zu werden sie von der Verkehrsleitzentrale in Zürich abgeschaltet, damit Kadetten Verkehrsregelung üben können. Sie stehen jeweils wie orange Playmobil-Männchen auf ihren kleinen, weissen Sokel und winken mechanisch präzise die Autos von geradeaus nach links und von links nach rechts und von geradeaus nach geradeaus. Früher stand die Kreuzung fast frei im Grünen, doch seit den 80er versammeln sich darum kleine, hellgelbe Wohnblöcke. Das aufregendste, was diese Kreuzung erlebt hat, ist der beflagte Durchmarsch des Panzerbataillons 14 der Panzerbrigade 11 nach geleistetem WK in Oberhinterhopfikon. Einen schweren Unfall hat es hier nie gegeben, nur einige Blechschäden im vorletzten Winter wegen glatter Fahrbahn. Damals kam sogar ein Foto der Kreuzung im Oberländer Boten. Die Kreuzung hätte einmal fast einem Kreisel weichen müssen, aber einige Lokalpolitiker wussten dies mit dem Hinweis auf neumodische Verkehrsverdummung zu verhindern. Der Bürger sei mündig, eine Kreuzung zu benützen, und müsse sich nicht im Kreise drehen. Wie dem auch sei: Irgendwo in diesem Land gibt es eine Kreuzung, wo sich vier asphaltierte Strassen treffen, die alle aus vier mittelgrossen Dörfer kommen, in denen je ein Migros neben einem Coop steht und die Raiffeisen eine Filiale hat. Und diese Kreuzung ist das Schweizerischste, was es gibt.


Und wenn sie nicht gestorben ist, so kreuzt sie sich noch heute…