Die Farbe Grün
Ich fahre oft mit dem Zug die Strecke von St.Gallen nach Wattwil. Die Bahngleise führen durch die hügelige Landschaft der Ostschweiz, vorbei an verstreuten Bauernhöfe, kleinen Dörfern, Klüften, Bächen. Und: Wälder. Im Winter ist die Fahrt meist ein Irrweg durchs Graue, durch eine Nebelsuppe – der Gedanke an nicht ganz geheure Gestalten in abgelegenen Gehöften, an den Mythos der ostschweizer Hundefresser ist nicht weit. Doch jetzt, jetzt im Frühling, ist der Winter vergessen. Die Gegend erwacht in allen Tönen der Farbe Grün. Die Laubbäume treiben ihre saftigen, hellgrünen Blätter. Neben ihnen stehen Tannenbäume starr und bergfest mit ihrem Dunkelgrün. Dazwischen der hellbraune, von Blättern übersähte und Bächen durchzogene Waldboden. Eine Fahrt durch eine Gegend, wie sie vor 1000 Jahren nicht anders gewesen ist und vielleicht in 1000 Jahren noch sein wird. In 1000 Jahren, wenn womöglich nur noch letzte, verwachsene Mauerreste der Eisenbahnbrücken, die über die unzähligen Talschneisen führen, knapp über den blätterigen Waldboden ragen. In 1000 Jahren, wenn die tausenden von Grüntönen immer noch die gleichen sein werden.


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